Hilfe für Hamburgs größten Pflegedienst- Interview in der Zeitung des VdK- Hamburg

Für die Juni- Ausgabe wurden wir zu den Herausforderungen für pflegende Angehörige befragt. Hierbei lag der Schwerpunkt auf den bürokratischen Hürden, sowie der psychischen Belastung und den organisatorischen Problemen bei der Betreuung von Menschen mit Demenz. Zusätzlich freuen wir uns, dass eine der pflegenden Angehörigen die wir begleiten, ihre Erfahrungen mit dem VdK geteilt hat:

Quelle: https://www.vdk.de/hamburg/pages/84908/hilfe_fuer_hamburgs_groeszten_pflegedienst

Ob Hygienefragen, Wohnumfeld oder gesetzliche Betreuung – werden Ehepartner, Eltern oder Geschwister pflegebedürftig, braucht es guten Rat und Fachwissen. Gerade wenn Angehörige die Pflege selbst übernehmen, stehen sie vor einem Berg an Herausforderungen. Kurse wie die der Hamburger Angehörigenschule machen Angehörige zu Pflegeprofis und zeigen Wege durch den Pflegedschungel.

Wunden versorgen, beim Duschen helfen, die vielen Arzttermine managen und den Fahrdienst übernehmen: Maria Goldbecks (*Name von der Redaktion geändert) Tag ist auf die Bedürfnisse ihres Mannes abgestimmt, den sie seit Jahren pflegt. Auch in den Nächten ist sie für ihn da, wenn Erwin Goldbeck nicht schläft, weil es an den Wunden juckt und pocht. „Dann stehen wir wieder um drei Uhr auf und desinfizieren“, berichtet die 78-Jährige.

Ihr Mann leide unter zahlreichen Erkrankungen wie Herz- und Nierenschwäche, Hüftproblemen, Altersdiabetes. Alles ablesbar auf einem Diagnoseblatt, das sie zu jedem Arztbesuch mitnimmt. Das größte Problem: Die unteren Beingefäße sind schlecht durchblutet, offene Wunden an Zehen und Füßen heilen nicht ab. Seit zwei Jahren trägt der 83-Jährige keine festen Schuhe mehr, nutzt spezielle Verbandsschuhe.

Maria Goldbeck packt die Dinge an – und organisiert sich die nötige Hilfe. Unterstützung findet sie seit Jahren bei der Hamburger Angehörigenschule. „Diese intensiven Schulungen sind wunderbar, ich suche mir aus dem Kursangebot aus, was ich brauche.“ Neben dem Einstiegskurs „Pflege zuhause – So geht’s!“ haben sie Angebote zum Thema „Wundmanagement“ ebenso vorangebracht wie zu Leistungen der Pflegeversicherung oder zur Selbstfürsorge. „Viele Pflegende haben ja gar nicht mehr die Kraft zu sagen, ich mache jetzt was für mich“, sagt Goldbeck. Dabei sei es wichtig, die eigenen Bedürfnisse zu kennen.

Wertvolle Kontakte

„Wir betrachten Pflege ganzheitlich, nicht nur als eine verrichtungsbezogene Tätigkeit“, betont Janina Herbst, Leiterin der Hamburger Angehörigenschule. Unter den Rubriken „Pflege zu Hause“, „Pflegefachwissen“, „Psychologie & Kommunikation“, „Finanzierung & Organisation“ sowie „Kinder & Familie“ können Betroffene aus rund 50 Kursen wählen – in der Regel sind sie kostenfrei, bei manchen wird ein kleiner Beitrag fällig. Je nach Thema umfassen die Schulungen mehrere Stunden an ein bis zwei Tagen. Die pflegenden Angehörigen lernen in kleinen Gruppen – online oder in Präsenzkursen in allen Hamburger Bezirken. Die vor rund zwölf Jahren gegründete Schule möchte zudem Lotsin sein, sagt Janina Herbst, und bei Fragen unkompliziert weiterhelfen. Gesprächsgruppen von Angehörigen sowie psychologische Einzelfallberatungen runden das Angebot ab.

Von der Angehörigenschule erhalte sie in jeder Lage einen guten Tipp, bestätigt Maria Goldbeck. Und durch die Kurse ergeben sich wertvolle Kontakte. „So habe ich zum Beispiel eine Expertin für Wundversorgung kennengelernt, die ich jederzeit anrufen kann.“ Wichtig waren für sie auch die praktischen Übungen. „Man nimmt das Pflegematerial in die Hand, übt am Pflegebett das Wenden oder den Kleidungswechsel“, erzählt Goldbeck. „Wenn ich nach Hause ging, dachte ich: Jetzt bin ich eine Pflegekraft!“ Nach jedem Kurs tausche sie mit Teilnehmenden die Telefonnummern aus. Man bleibe in Kontakt, um sich zu unterstützen. Kennst du die Situation? Hast du einen Tipp? „Das hilft und tut einfach gut“, sagt sie.

Herausforderung Demenz

Pflege in den eigenen vier Wänden – das sei eine mehrfache Herausforderung, betont Expertin Janina Herbst. Zeitlich, denn vieles wie etwa Toilettengänge sei nur schwer planbar. Räumlich – denn die baulichen Bedingungen zuhause sind nicht immer pflegefreundlich. Und es gebe personelle Grenzen, zumal wenn Pflegebedarf fast rund um die Uhr besteht. Die Leiterin der Hamburger Angehörigenschule rät dringend, sich früh zu informieren, Schritte zu planen – und nicht zu warten, bis Pflege notwendig wird. „Unsere Erfahrung ist leider, dass sich viele Familien erst kümmern, wenn es akut ist“, sagt sie. Immer wieder ein großes Thema: Demenz. Die Erkrankung stelle alle vor enorme Herausforderungen und führe oft zu Konflikten in den Familien, so Herbst. „Hier können wir in unseren Schwerpunktkursen zum Umgang und zum Krankheitsbild gut weiterhelfen.“

Neben der Pflegepraxis schätzt Maria Goldbeck die Workshops rund um Recht und staatliche Leistungen. Wie geht das mit der Verhinderungspflege? Was ist eine Patientenverfügung? „Das habe ich alles hier gelernt“, sagt Goldbeck. Pflegende Angehörige wissen, wie kompliziert vieles ist. Etwa die Leistungsansprüche: „Wir haben diverse Töpfe, die man schlau miteinander kombinieren muss, um die finanziellen Möglichkeiten zu auszuschöpfen“, stellt Janina Herbst fest. Ein Dschungel aus Ansprüchen und Voraussetzungen. „Wir bräuchten einen barrierefreien Zugang zu Pflegeleistungen und am besten eine ausfinanzierte Pflegeversicherung“, meint Janina Herbst. Das Thema „Pflege zu Hause“ sei viel zu wenig präsent. Das müsse sich ändern – angesichts der Alterung der Gesellschaft, des Fachkräftemangels und der Tatsache, dass die pflegenden Angehörigen nach wie vor den „größten Pflegedienst der Nation“ darstellen.

Klemens Vogel

INFOS ZU PFLEGEKURSEN

Die Sozialbehörde hat eine Übersicht mit Pflegekursen für Angehörige zusammengestellt, nach Bezirken gegliedert (PDF zum Download):

[Icon Web] www.hamburg.de/pflege-durch-angehoerige

Die Hamburger Angehörigenschule bietet online eine Kurssuche und das Programm als PDF sowie Beratung am Telefon (Rückrufservice):

[Icon Web] www.hamburgerangehoerigenschule.de

[Icon Telefon] (0 40) 41 62 46 51